De Nederlandse Kafka-kring

Kafkas Konjunktiv in der Übersetzung

von Els Andringa

Einleitung
In einem Artikel aus 1964 widerlegte Winfried Kudszus die Annahme, dass das Erzählwerk Franz Kafkas durch die Kongruenz von Erzähler und Protagonisten gekennzeichnet sei. Zum Ausgangspunkt diente der erste berühmte Satz von Der Prozess: ‘Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.’ Kudszus wies auf die perspektivische Distanz zwischen Erzähler und Josef K. hin, die durch die Anwendung des Konjunktivs in diesem Satz enthalten ist:

Einerseits verspüren wir hier einen von Josef K. distanzierten Erzähler; denn mit der Verhaftung wird berichtend etwas vorweggenommen, was K. erst einige Sätze später erfährt. Andererseits macht sich der perspektivische Standpunkt Josef K.s bemerkbar, da das ‘hätte’ auf ein vermutendes Überlegen des Helden hindeutet und wohl bewußt dem berichtenden ‘hatte’ vorgezogen ist, das auf einen distanzierten Erzähler wiese. (in Politzer 1973, 331)

Vierunddreißig Jahre später griff der Sprach- und Übersetzungswissenschaftler Werner Koller den gleichen Satz wieder auf. Sein Thema war Differenz und Äquivalenz im Sprachvergleich. Anhand von Übersetzungen des Satzes in mehreren Sprachen fand er, dass der Konjunktiv in den meisten Fällen übergangen wurde. Er stellte fest, dass es in vielen skandinavischen Sprachen keine entsprechende Form gäbe. Wenn der Satz aber im Indikativ wiedergegeben wird, so argumentierte er, fehle eine wesentliche Nuance. Durch den Konjunktiv verschiebe sich die Aussage in die Richtung Josef Ks und werde die Frage ob Ks Unschuld von vornherein feststehe, in der Schwebe gehalten. Die Unsicherheid was die Schuld betrifft ist durchaus mit dem weiteren Verlauf des Romans in Einklang zu bringen. Viele Interpreten haben sich um die Frage der Schuld bemüht. Der Roman klärt den Leser nicht darüber auf, worin die Schuld bestünde. Der Protagonist ist zwar ununterbrochen bemüht, seine Unschuld zu beweisen, aber wenn nicht einmal klar wird, worin die Schuld besteht, lässt sich auch schwerlich die Unschuld nachweisen. Tiefgreifende Interpretationen haben versucht, die Schuld außerhalb der Handlung zu verlegen, ins Psychologische, ins Theologische, oder in das Leben des Autors. Die Vielheit der Deutungen kann nur daraus entstehen, dass in der gegebenen Handlung die (Un)Schuld nicht festgelegt ist. Die Modalität im ersten Satz ist ein erstes linguistisches Mittel, dies zu bewirken.
Der Konjunktiv in Kafkas Satz ist also nicht unbeachtet geblieben. Beide Ansätze, die narratologische und die sprachvergleichende, kommen zum gleichen Ergebnis. Aber offensichtlich liegt hier ein Problem der Übersetzung vor. In den meisten, auch den neuesten Übersetzungen ist keine Entsprechung für den Konjunktiv gegeben. In den vier existierenden niederländischen Übersetzungen wurde zum Beispiel einfach der Indikativ eingesetzt. Nun ist dieser Satz in den Medien sehr beliebt als Zitat, wenn über die Festnahme eines Unschuldigen und den nachfolgenden bürokratischen Verwicklungen berichtet wird. Der Satz wird dann aus dem Kontext des Romans herausgelöst und lebt selbständig weiter. Vor kurzem wies ich in einem Zeitungsbrief darauf hin, dass die Vernachlässigung des Konjunktivs eine Vereindeutigung des Romans vorwegnimmt. Dieser Brief und eine ihm folgende erläuternde Glosse in Filter, der niederländischen Zeitschrift für Übersetzer, lösten mehrere Reaktionen aus. Einerseits folgten Einwände gegen meine Argumentation, andererseits gab es Beifall, und ich erhielt eine Sammlung von Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen. Dies veranlasste mich dazu, vergleichbare Konstruktionen bei Kafka genauer zu betrachten und eine Anzahl Übersetzungen zu überprüfen.

Überlegungen zum Konjunktiv II
Zusammen mit modalen Adverbien und Partikeln und mit den Modalverben gehört der Konjunktiv zu den Sprachmitteln um Bedeutungen einer Aussage zu modifizieren. Der Sprecher/Erzähler signalisiert eine gewisse Stellungnahme zum Inhalt der Äusserung. Solche Möglichkeiten gibt es wohl in allen Sprachen, doch die Mittel sind in einzelnen Sprachen unterschiedlich ausgeprägt. Im Deutschen kommt der Konjunktiv differenziert zur Anwendung. Nicht selten stellt er Übersetzer für die Schwierigkeit, Äquivalente in der Zielsprache zu finden, sei es durch Umschreibung, die Anwendung von Modalverben oder den Einsatz von modalen Adverbien. Die Verwendung des Konjunktivs II (KII) indiziert vor allem eine gewisse Distanz hinsichtlich der Wahrheit oder Wirklichkeit der Aussage. Im Falle der Indirekten oder Freien Indirekten Rede, wobei der Konjunktiv obligatorisch ist, distanziert sich der Sprecher von vornherein von dem, was der/die zitierte Andere(r) gesagt, gedacht, geschrieben usw. hat.

Peter kam zu spät. Er sagte, dass der Zug Verspätung hätte/ gehabt hätte. Oder: Er sagte, der Zug habe/hätte Verspätung gehabt.

Die Wahrheit der Aussage wird dem ursprünglichen Sprecher, Peter, zugeordnet. Der Erzähler berichtet ‘neutral’, was Peter gesagt hat ohne für die Wahrheit einzustehen.
Auch in anderen Fällen ist der Konjunktiv ein Signal, dass der Sprecher sich von der Wahrheit oder Wirklichkeit des Aussageinhalts distanziert. Er verleiht ihm hypothetischen Charakter, drückt Unsicherheit, Ungewissheit (Un)wahrscheinlichkeit aus oder betont den irrealen Charakter. In Verhandlungen über den KII wird in den meisten Grammatiken von der Wiedergabe einer irrealen Vorstellung des Sprechers im Vergleich zur vorgegebenen Wirklichkeit ausgegangen. Dabei unterscheidet man zwischen erwünschten, künftigen, konditionalen und möglichen Sachverhalten. Auch irreale Vergleiche gehören dazu. Oft treten Kombinationen in Haupt- und Nebensatz auf oder werden Modaladverbien hinzugefügt.

Wenn der Zug pünktlich gewesen wäre, wäre Peter (wohl) rechtzeitig gekommen. (irreale Konditionalis)
Hoffentlich fährt der Zug pünktlich, denn dann käme Peter rechtzeitig. (konditional und optativ)
Peter könnte kommen /käme (vielleicht), wenn der Zug heute fährt. (Potentialis)
Peter kam hereingerannt als ob er den Zug verpasst hätte. (irrealer Vergleich)

Die Bedeutungsschattierung tritt schärfer hervor, wenn Aussagen auch im Indikativ formuliert werden können. Der Vergleich zeigt den relativen Gefühlswert der Distanz oder Ungewissheit.

Peter kommt, wenn der Zug heute fährt – Peter käme, wenn der Zug heute fährt.

Im ersten Fall ist der Sprecher sicher, dass Peter tatsächlich kommt, unter der Voraussetzung, dass der Zug fährt. Im zweiten Fall deutet er die Möglichkeit an, schließt aber nicht aus, dass Peter trotzdem nicht käme. Dabei klingt eine Wiedergabe von Peters Versprechen in der Freien Indirekten Rede an: Peter sagte mir, er käme, wenn der Zug fährt.
Bei genauerem Hinsehen erkennt man die subtilen Vermischungen von Sprecherperspektive und Wiedergabe des Redens, Denkens, Glaubens, Erinnerns eines Anderen. Auch wenn ein Konjunktiv konventionell oder obligatorisch ist wie im Falle der indirekten Rede, ist der Faktor der Distanz oder Irrealität noch im Hintergund spürbar.
Eine Sonderstelle hat der KII in Kombination mit einer Negation. In diesem Zusammenhang finden wir in den gängigen Grammatiken auch Nebensatzgefüge mit ‘ohne dass’. In solchen Fällen wird ein Faktor in einem im Hauptsatz mitgeteilten Sachverhalt angegeben, den man normalerweise erwartet oder für selbstverständlich hält, der jedoch fehlt. V. Geith gibt das Beispiel:

Er ging schwimmen, ohne dass er mir Bescheid gegeben hätte.

In der Duden-Grammatik von 1966 (!) finden wir ein Goethezitat:

Sie schien aufmerksam auf das Gespräch, ohne daß sie daran teilgenommen hätte.

In den Nebensätzen wird eine Erwartung oder eine ‘Norm’ widerlegt: normalerweise sagt er halt Bescheid, wenn er schwimmen geht, bzw. man beteiligt sich an einem Gespräch, wenn man aufmerksam ist. Die Erwartung oder Norm wird durch die Verneinung in den Bereich des nur-Vorgestellten, d.h. in die Irrealität verschoben. Es wäre in beiden Fällen der Indikativ möglich gewesen: ‘ohne dass er mir Bescheid gab’ bzw. ‘ohne dass sie daran teilnahm’. Es handelt sich dann um die Mitteilung einer Feststellung durch den Sprecher. Die Andeutung des Verstoßes gegen die Erwartungsvorstellung geht dabei verloren. Beim Konjunktiv hingegen klingt ein Element der Vorsicht oder Zweifel an der Motivation der erwähnten Figur an. Es wird die Frage hervorgerufen: Warum denn (nicht)? Liegt ein besonderer Grund vor? Ein achtsamer Zuhörer oder Leser könnte vielleicht eine Erwartung über den weiteren Verlauf der Handlung aufbauen. Der Unterschied ist aber subtil und für Übersetzer problematisch.
Bei der Umsetzung in den Indikativ habe ich allerdings stillschweigend das Präteritum benutzt, das in beiden Fällen natürlich wirkt. Es ist aber auffällig, dass der KII in beiden Beispielen sowie in den Kafka-Sätzen mit dem Plusquamperfekt einhergeht. Dazu fand ich in den mir vorliegenden Grammatiken bislang keine Erläuterungen. Ich möchte diese Frage später noch einmal aufgreifen.

Der Konjunktiv II wirkt also auf zwei Ebenen, die manchmal miteinander verschränkt sind. Er spielt eine Rolle bei der Trennung von Sprecher- bzw. Erzählerperspektive und Fokalisator. Der Begriff des Fokalisators ist der Narratologie entlehnt und bezeichnet die Person oder Figur, deren Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Erinnerungen wiedergegeben werden. Der Sprecher entzieht sich durch den Konjunktiv gleichsam der Verantwortung für die Wahrheit oder Wirklichkeit des Ausgesagten. Und zweitens kann der K II Aussageinhalte in einen irrealen Vorstellungsbereich verlegen, sei es optativ, konditional, potential oder künftig.

‘ohne dass’ mit und ohne Konjunktiv bei Kafka
In Kafkas Satz, der die Diskussion entfachte, handelt es sich um eine Verbindung von ‘ohne dass’ mit dem KII im Nebensatz. Und zwar in einer Konstruktion, die beide Ebenen verbindet. Normalerweise erwartet man, dass jemand, der verhaftet wird, sich eines Verbrechens schuldig gemacht hat. Diese Erwartung wird im Nebensatz negiert. Aber auch liegt hier eine Verschiebung der Perspektive weg vom externen Erzähler zum Fokalisator Joseph K. vor. Der Vergleich mit der Wiedergabe im Indikativ wie sie Kudszus bereits vorgenommen hat, verdeutlicht diese Verschiebung: ‘ohne dass er etwas Böses getan hätte’ versus ‘ohne dass er etwas Böses getan hatte’. Im Indikativ ist es der Erzähler, der den Sachverhalt als Tatsache mitteilt. Im Konjunktiv veschiebt sich der Fokus zu den Gedanken von K. und ist die Wahrheit verschleiert.
Das Gegenargument, das mir entgegengebracht wurde, ‘ohne dass’ gehe sowieso mit dem Konjunktiv einher, ist nicht berechtigt. Der Konjunktiv ist im Deutschen nicht obligatorisch, so wird in den Grammatiken versichert. Da eine Wahl besteht, ist nun die Frage, weshalb Kafka die Konjunktivform gewählt hat. Hat er die Form bewußt gewählt oder hat er sich darüber keine Gedanken gemacht? Wir sehen in der Handschrift, dass Kafka den Satz genau überarbeitet hat. Es ist nicht wahrscheinlich, dass ein so genau formulierender Autor die Form ohne Nachdenken niedergeschrieben hätte.

Aus anderen Texten geht hervor, dass Kafka manchmal mit dem Konjunktiv spielte und sich dieser Form somit ausgesprochen bewusst war. In Auf der Galerie, zum Beispiel, ist zweimal die fast gleiche Geschichte erzählt, einmal im Indikativ, einmal im Konjunktiv. Eine wahrnehmbare und eine irreale Welt sind mit einander kontrastiert: einmal wird das Geschehen als ‘wirklich’ berichtet, einmal als irreale, phantasierte Vorstellung dargestellt.
In Fällen, wo es sich um die Realität und nicht um einen irrealen oder als unsicher eingestuften Sachverhalt geht, ist der Indikativ angebracht. Dazu noch ein Beispiel von Kafka. Es handelt sich um einen Text zur Gefährdung der Hände beim Bedienen von Holzhobelmaschinen für die Arbeiterunfallversicherungsanstalt, wo er als Jurist tätig war:

Dieses Emporheben und Zurückschleudern des Holzes war weder vorherzusehen, noch zu verhindern, denn dies geschah schon, wenn das Holz an einzelnen Stellen verwachsen oder ästig war, wenn sich die Messer nicht schnell genug drehten oder sich selbst schlecht stellten oder wenn der Druck der Hände auf das Holz ungleichmäßig verteilt war. Ein solcher Unfall aber ging nicht vorüber, ohne dass mehrere Fingerglieder, ja selbst ganze Finger abgeschnitten wurden.[1]

Es soll hier keine ausführliche Studie zum Konjunktiv bei Kafka vorgelegt werden. Es müsste sie in dem unermesslichen Haufen von Sekundärliteratur eigentlich schon geben, obwohl ich sie mit den gängigen Recherchen nicht gefunden habe. Ich möchte hingegen die Konstruktionen mit ‘ohne dass’ in Der Prozess weiter verfolgen und überprüfen, inwiefern Übersetzer in Englisch, Französisch, Italienisch und Niederländisch ihnen Beachtung schenken. Dazu sind aus den vorhandenen Übersetzungen jeweils zwei ausgewählt, die zeitlich relativ weit auseinander liegen.
Die Suchprozedur im digitalisierten Originaltext ergab elf Belegstellen von Satzgefügen mit ‘ohne dass’. Vier davon kommen im ersten Kapitel und eine im letzten Kapitel vor. Die übrigen sechs Stellen underscheiden sich dadurch, dass sie im Diskurs von Figuren vorkommen, die zu Josef K. sprechen, vor allem der Advokat Huld. Diese Belege haben einen anderen Stellenwert. Vier der fünf übrigen Stellen erhellen sich gegenseitig und werden hier näher betrachtet.
Interessanterweise findet sich die zweite Fundstelle gleich nach der ersten. Sie belegt, dass ‘ohne dass’ bei Kafka auch im Roman mit dem Indikativ einhergehen kann. Sehen wir uns beide Fälle samt Übersetzungen einmal an. Die deutschen Zitate sind etwas ausführlicher um ein wenig mehr Kontext zu bieten.

1 & 2. Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Die Köchin der Frau Grubach, seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Das war noch niemals geschehen. K. wartete noch ein Weilchen, sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, dann aber, gleichzeitig befremdet und hungrig, läutete er. Sofort klopfte es und ein Mann, den er in dieser Wohnung noch niemals gesehen hatte, trat ein. Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das, ähnlich den Reiseanzügen, mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen, ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien. ‘Wer sind Sie?’ fragte K. und saß gleich halb aufrecht im Bett.

Englisch
Someone must have been telling lies about Joseph K., for without having done anything wrong he was arrested one fine morning. […] a man entered whom he had never seen before in the house. He was slim and yet well knit, he wore a closely fitting black suit furnished with all sorts of pleats, pockets, buckles, and buttons, as well as a belt, like a tourist’s outfit, and in consequence looked eminently practical, though one could not quite tell what actual purpose it served.
(Willa & Edwin Muir 1937, revised by E.M. Butler, Schocken 1992, S. 1)

Someone must have been telling lies about Josef K., he knew he had done nothing wrong but, one morning, he was arrested. […] a man entered. He had never seen the man in this house before. He was slim but firmly built, his clothes were black and close-fitting, with many folds and pockets, buckles and buttons and a belt, all of which gave the impression of being very practical but without making it very clear what they were actually for.
(David Wyllie (internet pdf, 2016 [?], S. 3)

Französisch
On avait sûrement calomnié Joseph K., car, sans avoir rien fait de mal, il fut arrêté un matin. […] un homme entra qu’il n’avait encore jamais vu dans la maison. Ce personnage était svelte, mais solidement bâti, il portait un habit noir et collant, pourvu d’une ceinture et de toutes sortes de plis, de poches, de boucles et de boutons qui donnaient à ce vêtement une apparence particulièrement pratique sans qu’on pût cependant bien comprendre à quoi tout cela pouvait servir. ‘Qui êtes-vous ?’ demande K.
(Alexandre Vialatte, Gallimard 1957 (urspr. 1933), S. 43)

Il fallait qu’on eût calomnié Joseph K.: un matin, sans avoir rien fait de mal, il fut arrêté. […] un homme entra, que jamais K. n’avait vu dans cette maison. Svelte et pourtant bâti en force, il était sanglé dans un vêtement noir muni, comme les costumes de voyage, de toutes sortes de rabats, de poches, de brides, de boutons et d’une ceinture: sans qu’on sût bien à quoi cela pouvait servir, cela avait l’air extrêmement pratique.
– Qui êtes vous? dit K.
(Bernard Lortholary, Flammarion 2011 (erstes Kapitel zur Probe im Internet))

Niederländisch
Iemand moest Josef K. belasterd hebben, want zonder dat hij iets kwaads had gedaan, werd hij op een morgen gearresteerd. […] een man die hij hier in huis nog nooit had gezien, kwam binnen. Hij was slank en toch stevig gebouwd, hij droeg een nauw aansluitend zwart pak, dat als een reiskostuum voorzien was van verscheidene plooien, zakken, gespen, knopen en een ceintuur en dientengevolge, zonder dat het je duidelijk werd waartoe het dienen moest, bijzonder praktisch leek. ‘Wie bent u?’ vroeg K.
(Ruth Wolf 1982, S. 7)

Iemand moest kwaad van Josef K. hebben gesproken, want zonder dat hij iets slechts had gedaan werd hij op een ochtend gearresteerd. […] er kwam een man binnen die hij hier in huis nog nooit had gezien. Hij was slank en toch stevig gebouwd. Hij droeg een nauwsluitend zwart pak dat net als reiskostuums voorzien was van diverse plooien zakken, gespen, knopen en een ceintuur en daardoor, zonder dat je een duidelijk beeld kreeg van waarvoor het moest dienen, buitengewoon praktisch leek. ‘Wie bent u?’ vroeg K.
(Willem van Toorn, 2012, S. 9)

Italienisch
Qualcuno doveva aver calunniato Josef K. perchè senza che avesse fatto nulla di male, una bella mattina lo arrestarono. […] un uomo che K. non aveva mai visto prima d’allora, si fece avanti. Era alto ma tarchiato, con un vestito nero attillato simile ad an vestito da viaggio, con pieghe, tasche, fibbie, che gli davano un’aria di grande praticità, sebbene non si capisse chiaramente a che cosa dovesse servire tutta quella roba.
‘Lei chi è?’ chiese K.
(Alberto Spaini, 1933, S. 2)

Qualcuno doveva aver calunniato Josef K., poiché una mattina, senza che avesse fatto niente di male, fu arrestato. […] entrò un uomo che non aveva mai visto prima in quella casa. Era snello ma ben piantato, portava un vestito nero attillato, che, come gli abiti da viaggio, era fornito di una varietà di pieghe, tasche, fibbie, bottoni e una cintura, e perciò sembrava particolarmente pratico, anche se non si capiva bene a cosa dovesse servire. ‘Chi è lei?’ chiese K.
(Aldo Busco 2012, S. 25)

In (2) ist das Subjekt das unbestimmte Pronomen ‘man’. Die berichtete Wahrnehmung wird weder nur K. noch dem Erzähler zugeschrieben. ‘Man’ generalisiert den Beobachter. Jede/r würde eine Funktionalität der augenfälligen Kleidungsattribute erwarten, doch diese ist für keine/n offensichtlich. Die Konstruktion hat einen adversativen Charakter. Hier liegt weder ein perspektivischer Wechsel zwischen Erzähler und Fokalisator vor, noch wird Zweifel oder Unsicherheit zum Ausdruck gebracht, nur allgemeines Befremden. Der adversative Charakter ist in beiden englischen Übersetzungen hervorgehoben durch die Konjunktionen ‘but’ (Wyllie) und konzessives ‘though’ (W&E Muir).[2]

Es ist nun auffällig, dass in den französischen Übersetzungen des ersten Falles (1) die Konjunktion vermieden und anstatt die Infinitivform ‘sans avoir fait’ gewählt wurde, während in (2) gerade die Konjunktion ‘sans que’ eingesetzt wurde. Hier wird auch sichtbar, dass diese Konjunktion im Französischen mit dem Konjunktiv (subjonctiv) einhergeht. Das bringt uns zu der Feststellung, dass sowohl im Französischen wie auch im Italienischen die Konjunktion ‘sans que’ bzw. ‘senza che’ regelgemäß mit dem Konjunktiv verbunden ist. Das trifft in diesen Sprachen meistens auch für konzessive Nebensätze zu. Die italienischen Übersetzer wählen für (2) einen konzessiven Nebensatz: ‘sebbene non si capisse’ (mit Konjunktiv): ‘obwohl’. Und: ‘anche se non capiva’ (mit Indikativ): ‘wenn auch’. Wenn eine Sprache jedoch nicht die Wahl zwischen Konjunktiv und Indikativ hat, kann man sich denken, dass der subtile Unterschied im Deutschen den Übersetzern kaum zu Bewusstsein kommt. Die Konjunktivform erscheint ja äquivalent und man müsste sich der funktionalen Differenz zuerst bewusst werden und sich ihr über Umwege annähern. In den sechzehn italienischen Übersetzungen, die mir vorliegen, hat das keine versucht.[3]

Der einzige, der sich sichtlich um den Konjunktiv bemüht hat, ist der englische Übersetzer Wyllie. Er weicht von der Struktur im Originaltext ab und hebt die Perspektive K.s explizit hervor, indem er einen zweiten Hauptsatz hinzufügt, in dem K. der Fokalisator ist: ‘he knew he had done nothing wrong’. Allerdings ist die Verschiebung hier so stark betont, dass wiederum der Unsicherheitsfaktor, der Schwebecharakter der Schuld, verlorenzugehen droht. Er hätte ihn behalten können, wenn er statt ‘he knew’ zum Beispiel ‘he thought’ geschrieben hätte.
Werner Koller zieht eine dänische Übersetzung von Per Øhrgaard heran:

Nogen måtte have bagtalt Josef K., thi uden at han vidste af at have gjort noget ondt, blev han en morgen arresteret,

die etwa dem deutschen ‘ohne dass er wusste etwas Schlechtes getan zu haben’ entspricht. Auch hier also ein Versuch, die Schuldfrage ins Bewusstsein Josef K.s zu schieben.
Es sind somit nur sehr wenige Übersetzer, die der Konjunktivform Rechnung tragen. Über den Grund kann man nur spekulieren. Vielleicht hängt es mit dem Übersetzungsprozess zusammen. Wenn man einfach vom Anfang bis zum Ende vorgeht, kommt die Nuance wohl weniger zu Bewusstsein als wenn man ‘topdown’ das ganze Werk im Blick behält und die zentrale Schuldproblematik übergreifend den Prozess des Übersetzens mit steuert.
Wie steht es nun um die anderen Stellen? Wir fahren zunächst mit dem letzten Fall (4) fort, der sich mit dem ersten vergleichen lässt. Es handelt sich um den Anfang des letzten Kapitels.

4. Am Vorabend seines einunddreißigsten Geburtstages – es war gegen neun Uhr abends, die Zeit der Stille auf den Straßen – kamen zwei Herren in K.s Wohnung. In Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Zylinderhüten. Nach einer kleinen Förmlichkeit bei der Wohnungstür wegen des ersten Eintretens wiederholte sich die gleiche Förmlichkeit in größerem Umfange vor K.s Tür. Ohne daß ihm der Besuch angekündigt gewesen wäre, saß K., gleichfalls schwarz angezogen, in einem Sessel in der Nähe der Türe und zog langsam neue, scharf sich über die Finger spannende Handschuhe an, in der Haltung, wie man Gäste erwartet. (Kapitel 10/ Ende, S. 305)

Englisch
Without having been informed of their visit, K. was sitting also dressed in black in an armchair near the door, slowly pulling on a pair of new gloves that fitted tightly over the fingers, looking as if he were expecting guests.
(W. & E. Muir, S. 223)

He had not been notified they would be coming, but K. sat in a chair near the door, dressed in black as they were, and slowly put on new gloves which stretched tightly over his fingers and behaved as if he were expecting visitors.
(Wyllie 2016 [?], S.163)

Französisch
Bien qu’on ne lui eût pas annoncé la visite, K., vêtu de noir lui aussi, s’était assis près de sa porte dans l’attitude d’un monsieur qui attends quelqu’un et s’occupait d’enfiler des gants neufs dont les doigts se moulaient petit à petit sur les siens.
(Vialatte, S. 268)

Bien qu’on ne lui eût pas annoncé la visite, K., vêtu de noir lui aussi, s’était assis près de sa porte dans l’attitude d’un monsieur qui attends quelqu’un et s’occupait d’enfiler des gants neufs dont les doigts s moulaient petit à petit sur les siens.
(Lortholay, 1974 [identisch an Vialatte])

Niederländisch
Zonder dat het bezoek hem was aangekondigd, zat K., eveneens in het zwart gekleed, op een stoel in de nabijheid van de deur en trok langzaam nieuwe, strak over zijn vingers gespannen handschoenen aan, in de houding van iemand die gasten verwacht.
(Wolf, 1982, S. 226)

Zonder dat het bezoek hem was aangekondigd zat K., eveneens in het zwart, in een leunstoel bij de deur en trok langzaam strak om zijn vingers spannende handschoenen aan, in de houding van iemand die gasten verwacht.
(Van Toorn, 2012, S. 188)

Italienisch
Senza che la visita gli fosse stata preannunziata, K., vestito anche lui di nero, si infilava lentamente un paio di guanti nuovi che gli stringevano le dita, stando seduto su una poltrona vicino alla porta, come chi aspetta ospiti.
(Spaini 1933, S. 342)

Benché la visita no gli fosse stata annunciata, K., anche lui vestito di nero, sedeva su una sedia vicino alla porta e s’infilava lentamente dei guanti nuovi, ben tesi sulle dita, nell’atteggiamento di chi attende degli ospiti.
(Busco 2012, S. 249)

Im Originaltext ist eine Widersprüchlichkeit spürbar: K. sitzt feierlich angezogen neben der Tür ‘in der Haltung, wie man Gäste erwartet’. Er sollte jedoch nicht über den Besuch informiert gewesen sein. Stimmt also diese Information? Auch hier distanziert sich der Erzähler von der Wahrheit der Aussage. Von wem stammt die Information, dass K. nicht über den Besuch informiert gewesen sei? Macht K. sich etwa selbst vor, dass er von nichts weiß, während er sich zugleich auf den Besuch vorbereitet? Stellt er sich doch darauf ein, dass er abgeholt wird? Heißt das, dass er vielleicht eine (irgendwelche) Schuld erkannt hat und seine Verschleppung vorhersieht? Auch hier ein Schwebezustand, der die schillernde Bedeutung des Anfangs gleichsam wiederholt. Am Schluss des Romans angelangt wissen wir noch immer nicht worin die Schuld bestünde und ob K. unschuldig hingerichtet wird, oder ob er schließlich von einer Schuld überzeugt ist. Am Ende stehen noch immer vielen Deutungen offen. Die wunderliche Gegensätzlichkeit des (Nicht-)Wissens und des Handelns kommt auch hier mit durch den Konjunktiv zum Ausdruck.
Wieder ist es Wyllie, der, in ähnlicher Weise wie im 1. Fall, den Satz umstellt und einen zweiten Hauptsatz einbaut. Auch jetzt fehlt jedoch die Distanz des Erzählers. In den beiden englischen Übersetzungen fällt weiter auf, dass der Satz ‘[…] in der Haltung, wie man Gäste erwartet’ als irrealer Vergleich aufgefasst wird und der englische Konjunktiv auftritt, der sonst sehr selten ist: ‘looking as if’ bzw. ‘behaved as if he were expecting visitors’.
In allen anderen Übersetzungen wird ‘ohne dass’ buchstäblich oder in der Form eines Konditionalsatzes übersetzt. Wiederum liegt kein Versuch vor, ein Äquivalent zu suchen für die Zweideutigkeit, die im KII angelegt ist. Im Niederländischen wäre dies im 1. und im 4. Fall relativ einfach gewesen. Mithilfe von dem Modalverb ‘zou’ kann man den gleichen Effekt erzielen: ‘zonder dat hij iets kwaads gedaan zou hebben’, und: ‘zonder dat hem het bezoek zou zijn aangekondigd’. Oder auch ‘zonder dat hij bij zijn weten [seines Wissens] iets kwaads had gedaan’ oder ‘zonder dat hij zich van enig kwaad bewust was’, und: ‘zonder dat het bezoek voor zover hij wist hem was aangekondigd’. Übrigens sehen wir auch hier das Plusquamperfekt und der KII zusammen auftreten.
Betrachten wir schließlich noch den 3. Fall.

3. Darin, daß man später sagen würde, er habe keinen Spaß verstanden, sah K. eine ganz geringe Gefahr, wohl aber erinnerte er sich – ohne daß es sonst seine Gewohnheit gewesen wäre, aus Erfahrungen zu lernen – an einige, an sich unbedeutende Fälle, in denen er zum Unterschied von seinen Freunden mit Bewußtsein, ohne das geringste Gefühl für die möglichen Folgen, sich unvorsichtig benommen hatte und dafür durch das Ergebnis gestraft worden war.

Englisch
There was a slight risk that later on his friends might possibly say he could not take a joke but he had in mind – though it was not usual with him to learn from experience – several occasions, of no importance in themselves, when against all his friends’ advice he had behaved with deliberate recklessness and without the slightest regard for possible consequences and had had in the end to pay dearly for it.
(Willa and Edwin Muir, S. 4/5)

There was a very slight risk that people would later say he couldn’t understand a joke, but – although he wasn’t normally in the habit of learning from experience – he might also have had a few unimportant occasions in mind when, unlike his more cautious friends, he had acted with no thought at all for what might follow and had been made to suffer for it.
(Wyllie (internet pdf, 2016 [?], S. 5)

Französisch
Si l’on disait plus tard qu’il n’avait pas compris la plaisanterie, tant pis, ce n’était pas un gros danger ; sans être de ces gens à qui l’expérience profite toujours, il se rappelait avoir été puni par les événements, de s’être sciemment conduit avec imprudence dans certains cas, au contraire de ses amis.
(Vialatte, pdf S. 8, Buch, 48)

Qu’on dise plus tard qu’il n’avait pas compris la plaisanterie, c’était un risque minime; en revanche, K. se rappelait (lui qui pourtant n’avait pas l’habitude de tirer la leçon de ses expériences) des cas insignifiants où, à la différence de ses amis, il s’était montré délibérément imprudent et où il s’était trouvé bien puni d’avoir été aussi peu soucieux des éventuelles conséquences.
(Lortholary, Flammarion 2011 (erstes Kapitel zur Probe im Internet) [2004])

Niederländisch
Dat men later zou zeggen dat hij niet tegen een grap kon leek K. een heel gering gevaar, maar wel herinnerde hij zich – zonder dat het anders zijn gewoonte was uit zijn ervaringen lering te trekken – een aantal op zichzelf onbelangrijke voorvallen, waarbij hij zich in tegenstelling tot zijn vrienden heel bewust, zonder het minste besef van de eventuele gevolgen, onvoorzichtig had gedragen en daarvoor door het resultaat gestraft was.
(Wolf 1982, S. 10)

Dat ze later zouden zeggen dat hij niet tegen een grap kon beschouwde K. als een heel klein risico, maar hij herinnerde zich wel – zonder dat het overigens zijn gewoonte was van ervaringen te leren – een paar op zichzelf onbetekenende gevallen waarin hij zich in tegenstelling tot zijn vrienden bewust, zonder het minste gevoel voor de mogelijke gevolgen, zeer onvoorzichtig had gedragen en daarvoor door het resultaat was gestraft.
(Van Toorn, 2012, S. 12)

Italienisch
Il fatto che si potesse poi dire ch’egli non era stato in grado di comprendere uno scherzo, sembrava a K. un pericolo insignificante. Invece – sebbene non fosse sua abitudine di trarre insegnamenti dall’esperienz – si sovvenne di alcuni casi, non molto importanti, nei quali a differenza dei suoi amici, egli si era comportato imprudentemente, avendone coscienza e senza preoccuparsi minimamente delle possibili consequenze;
(Spaini 1933, S. 7)

Se più avanti qualcuno avesse detto che non aveva capito lo scherzo, ma questo pareva a K. un rischio irrilevante, nonostante ricordasse – non che fosse sua abitudine imparare dall’esperienza – alcuni casi, di per sé insignificanti, nei quali, a differenza dei suoi amici, aveva agito volutamente con imprudenza, senza preoccuparsi affatto per le evetuali conseguenze, e poi era stato punito dal risultato.
(Busco 2012, S. 28)

Dieser Fall ist bemerkenswert, weil der betreffende Satz durch Parenthese markiert ist. Der laufende Text ist den Überlegungen K.s gewidmet. K. ist der Fokalisator, der in seinen Gedanken überlegt, was er mit dieser ungewöhnlichen Situation anfangen und wie er sich den Wächtern gegenüber verhalten soll. In dem markierten Satz tritt der Erzähler kurz aus diesem Gedankenstrom heraus und informiert den Leser über eine Eigenschaft von Josef K. Die Quelle dieser nicht sehr schmeichelhaften Information bleibt im Dunklen. Auch hier wäre ein Indikativ möglich gewesen: ‘ohne dass es sonst seine Gewohnheit war, aus Erfahrungen zu lernen’. Durch den Konjunktiv, wiederum mit Plusquamperfekt, ist jedoch signalisiert, dass es sich um ein Gerücht oder eine Vermutung handeln muss. Es ist ein rätselhafter Satz. Auch diesen Satz hätte Kudszus zitieren können um sein Argument, Erzähler und Protagonist seien nicht kongruent, zu untermauern.
Die Übersetzungen weisen hübsche Varianten auf. Doch auch hier sieht man keinen Versuch, die Doppeldeutigkeit im Konjunktiv irgendwie sichtbar zu machen.

Was hat nun zusammengefasst die genauere Betrachtung der Textstellen aus Der Prozess ans Licht gezogen? Allgemein hat sie die Möglichkeit der subtilen modalen Abtönung durch den Konjunktiv II im Deutschen auch im Spezialfall der Nebensätze mit ‘ohne dass’ bestätigt. Es ist eine Möglichkeit, die Übersetzer in Sprachen, die nicht über einen vergleichbaren Konjunktiv verfügen und solchen, in denen nicht die Wahl zwischen Konjunktiv und Indikativ besteht, für ein Problem stellt. Eine grammatische Beobachtung ist, dass in allen hier behandelten Fällen, nicht nur bei Kafka, der KII mit dem Plusquamperfekt einhergeht. Das heißt, der verneinte Sachverhalt wird in der Vorvergangenheit angesiedelt. Dies könnte auf eine Konvention hinweisen. Dazu fand ich allerdings keine Erläuterungen in den mir vorliegenden Grammatiken. In neueren Grammatiken findet sich der Hinweis, dass die Verwendung des Konjunktivs in der modernen Alltagssprache allmählich vom Indikativ verdrängt wird, sogar in der Indirekten Rede. Der Konjunktiv sei demnach immer mehr der Schriftsprache vorbehalten. Doch Kafkas Sprache ist inzwischen hundert Jahre alt. Daher können wir unbeschwert von der funktionellen Wahl zwischen Konjunktiv und Indikativ ausgehen.
Für die Deutung des Romans hat auch dieses linguistische Detail Relevanz. Übersetzungen von Kafkas Werk sind schon mehrmals Gegenstand der Forschung gewesen.[4] Anna Jell hat 2012 eine Arbeit zu den französischen Übersetzungen – damals waren es vier – vorgelegt. Eine ihrer Ergebnisse war, dass die Übersetzungen zur Vereindeutigung neigen. Zu dieser Feststellung passt auch die Vernachlässigung dieser spezifischen Anwendung des Konjunktivs II.

Literatur
Jell, Anna, Die französischen Übersetzungen von Kafkas ‘Prozess’. Innsbruck Universitätsverlag, Innsbruck 2012.
Koller, Werner, ‘Das Problem der Übersetzbarkeit – sprachliche, textuelle und kulturelle Aspekte’. In: Wolfgang Börner und Klaus Vogel, Kontrast und Äquivalenz – Beiträge zu Sprachvergleich und Übersetzung. Tübingen 1998: Narr Verlag, p. 118-135: 123/24.
Kudszus, Winfried, ‘Erzählhaltung und Zeitverschiebung in Kafkas “Prozess” und “Schloss”. In: Heinz Politzer (Hg.), Franz Kafka. Wissensch. Buchgesellschaft. Darmstadt 1973, S. 331-350.
Geith, Veronika, Der Konjunktiv als Mittel der Bedeutungsschattierung. Pandaemonium Germanicum, vol. 19, 29, 2016: 53-94.
O’Neill, Patrick, Transforming Kafka – Translation Effects. University of Toronto Press 2014.

Anmerkungen
[1] Dieser Text erschien im Jahresbericht der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt 1910. Siehe diese Internetseite (Nov. 2020).
[2] Kafkas Obsession mit Kleidung ist schon öfters bemerkt worden, aber das nur nebenbei. Siehe auch Stelle 4.
[3] Ich bin Bert de Waart zu vielem Dank verpflichtet für die Sammlung italienischen Übersetzungen und seine Erläuterungen dazu.
[4] O’Neill (2014) hat zum Beispiel eine Vielzahl von Übersetzungen einzelner Textstellen verglichen. In diesem Band findet man auch eine Bibliographie.